200 Jahre Friedrich Graumann’s Eidam & Co.

Runde Firmenjubiläen sind ein willkommener Anlass, eine Zeitreise zu unternehmen. Rückblicke dieser Art zählen freilich nicht gerade zu den kurzweiligsten Arten von Lektüre. Im Fall der Geschichte der Familien Graumann und Lang ist dies jedoch anders. Dies deshalb, weil in deren 200-jährige Geschichte Veränderungen fallen, wie sie die Welt in dieser Größenordnung noch nicht erlebt hatte.

Vorzeit

790

Der Name Traun schien erstmals um 790 n. Chr. als Traun urkundlich auf. Diese Flussbezeichnung ist keltischen Ursprungs und dürfte sich von der Wurzel „dru“, was soviel wie laufen oder fließen bedeutet, herleiten. In einer Traditionsurkunde (die Aufzeichnung einer Schenkung), die in die Zeit zwischen 813 und 824 datiert, erfolgte die erste urkundliche Erwähnung als Ort. (Quelle: „Oberösterreichische Nachrichten“, Sonderbeilage Traun vom 23.10.1981).

1525

Erstmalige Erwähnung der „Wincklmyll“ im Kopialbuch von Hörsching (damals Heresing, zweite Erwähnung 1609) im Landesarchiv Linz, deren Ursprung ins Jahr 1471 zurückreichen.

Dieser Mühlstein wurde bei Abbruch einer Hauptmauer des „Herrenhauses“ gefunden, stammt vermutlich von der Winkelmühle und befindet sich auf der Nordseite vom „Magazin“.

Dieser Mühlstein wurde bei Abbruch einer Hauptmauer des „Herrenhauses“ gefunden, stammt vermutlich von der Winkelmühle und befindet sich auf der Nordseite vom „Magazin“. (Foto: Arrigo Wunschheim).

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Johann Friedrich Grohmann

1786

Johann Friedrich Grohmann kam am 14. Oktober 1786 zur Welt. Sein Vater war Mühlbursche in Kloster Zinna (bei Jüterborg, südlich von Potsdam, in Brandenburg, damals Preußen). Das Kind wurde evangelisch getauft und bekam exakt den Namen seines Vaters – wie dies für uneheliche Kinder üblich war. Seine Mutter, Johanna Dorothea Thiele, war die Tochter des Hüfners Christian Thiele in Neuhof. Nur ein Jahr nach der Geburt von Johann Friedrich heiratete sie den Leinenweber Christian Gottfried Ball aus Jüterborg und nahm Johann Friedrich in diese Ehe mit. Zur Schule ging ihr Sohn im Kloster Zinna, das Weberhandwerk erlernte er bei seinem Stiefvater. Dieser sprach ihn vermutlich auch frei (Lehrabschluss) und regte an, dass er auf Wanderschaft gehen möge (Praktikum in externen Betrieben, um sich weiteres Fachwissen anzueignen und Neues kennenzulernen).

Wappen der Framilie Grohmann.

Wappen der Familie Grohmann.

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Friedrich Graumann

1813

Der napoleonische Spuk war vorbei. Napoleon hatte seine letzten Schlachten verloren und dankte am 6. April in Fontainebleau ab. In Europa wuchs die Hoffnung der Menschen, dass nun wieder friedlichere Zeiten anbrechen könnten. Die kriegerischen Auseinandersetzungen waren wohl der Grund, warum Johann Friedrich lange hatte zuwarten müssen, bis er sich auf Wanderschaft begeben konnte. Nun aber, 26-jährig, war für ihn der Zeitpunkt gekommen, loszuziehen. Es zog ihn Richtung Süden.

Warum Johann Friedrich Grohmann ausgerechnet Wien als Ziel für seine „Wanderschaft“ anstrebte, war klar: in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es eine „Textilstadt“ – mit rund 30 einschlägigen Unternehmen (Webereien, Bleichereien und Färbereien). Und Österreich war ein Reich mit Entwicklungspotential.

Johann Friedrich Grohmann entschloss sich, in Wien bei Meister Andreas Schüller Webergeselle zu werden. Für seine Registrierung wählte er den Namen „Friedrich Graumann“. Ob der Wechsel von „Grohmann“ zu „Graumann“ deshalb war, weil „Graumann“ eher der oberdeutschen Sprechweise entgegenkam, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden; auch nicht, warum er „Johann“ beiseite ließ. Vielleicht wollte er hier ein ganz neues Leben anfangen. Ein Hinweis darauf ist die Tatsache, dass er um die österreichische Staatsbürgerschaft ansuchte und somit nicht vorhatte, nach Preußen zurückzukehren.

1815

Der Wiener Kongress, der vom 18. September 1814 Weiterlesen

Erweiterung in Traun

1869

Am 9. März reiste Josef Lang erstmals nach Traun. Er sah sich die zum Kauf angebotene „Winklmühle“ an und begutachtete das 46.500 Quadratmeter große Areal. Noch am selben Tag schloss er einen Vorverkauf ab. Der schriftliche Kaufvertrag ist dann mit 30. März 1869 datiert. Kaufpreis: 25.000 Gulden für die Winklmühle Nr. 37 (später Kanzlei- (Büro-)Trakt und „Herrenhaus“) und das „Hummelgütl“ Nr. 33. (beide „fast leer“) „und zusätzlich 6.000 Gulden für das Wasserrad, Transmissionen und Kammräder“. Für die Anschaffung von Maschinen und Geräten brachte Josef Lang zusätzlich 67.463,- Gulden auf.

Ölgemälde der „Winklmühle“ aus 1882 von Prof. Otto Fessler.

Ölgemälde der „Winklmühle“ aus 1882 von Prof. Otto Fessler.

In früheren Zeiten war die Winklmühle in Traun eine Mahlmühle mit 5 Gängen. 1836 erwarb sie dann der Zimmermeister Anton Grimm aus Fischament, um daraus eine Spinnerei zu machen. Weiterlesen

Drittes Standbein Haslau

1900

Die „Hammermühle“ in Haslau bei Eger (heute Hazlov, Tschechien) hatte man schon lange neben vielen anderen in der damaligen Monarchie (in den Annalen sind über 20 Standorte erwähnt) als Faktorei in Vertrag, sodass man sich entschloss, sie als drittes Standbein zu erwerben, als Weberei auszubauen und einzurichten. Ausstattung: 242 Webstühle, 3028 Feinspindeln, 1 Zwirnmaschine, 4 Rauhmaschinen und verschiedene Garn- und Warenveredelungsmaschinen.

„Hammermühle“ in Haslau, Tschechien.

„Hammermühle“ in Haslau, Tschechien

„Die Liegenschaft bestand aus der Hammermühl Haus Nr. 4, einer Mahlmühle und der Bretterschneide, das einstöckige Wohngebäude Haus Nr. 5, das ehemalige Fabriksgebäude, Weiterlesen

Höhepunkt

 1908

Am 8. Jänner starb Eduard Lang. Sein Tod veranlasste Rudolf Lang, samt Familie nach Wien zu übersiedeln. Zuerst nahm er sich eine Wohnung in der Trautmannsdorfgasse Nr. 8 (Miete: 1500 Kronen pro Halbjahr), 1910 kaufte er dann das Haus in der Gyrowetzgasse Nr. 9. Kaufpreis: 54.500 Kronen. Rudolf Lang wurde als Gesellschafter in die Firma aufgenommen, die Leitung der Fabrik übernahm der zum Direktor ernannte Chemiker Emil Mayer. Ein zweiter Chemiker wurde eingestellt, um die Arbeiten im wesentlich vergrößerten und mit verschiedensten Apparaten ausgestatteten Laboratorium bewältigen zu können.

Eduard Lang (1854-1908).

Eduard Lang (1854-1908).

1909

Erweiterung des Kesselhauses und Austausch des alten gegen einen neuen, viel größeren Kessels. Stilllegung der alten Dampfmaschine. Weiterlesen

Konzentration in Traun

1933

1933 brach die Firma zusammen: Überschuldung von rund 1 Million Schilling. Rudi Lang legte die Leitung der Fabrik zurück. Die Ereignisse wirkten sich derart deprimierend auf das Gemüt von Rudolf Lang aus, dass er sich gänzlich aus der Geschäftsleitung zurückzog. Seine Anteile als offener Gesellschafter behielt er bis 1939. Dipl. Ing. Willi Lang und dessen Bruder Fritz Lang übernahmen die Geschicke der Firma und konnten durch den Verkauf der Wiener Häuser und der Fabrik in Hauslau am Handelgericht den Ausgleich erreichen.

Alles, was bis dahin die Zentrale in Wien erledigt hatte, kam nun nach Traun: Musterei, Adjustierung, Versand und Buchhaltung. Ein Teil der Wiener Belegschaft musste gekündigt werden. Die Produktion war rückläufig, in Traun waren gegen Jahresende nur noch 110 Webstühle besetzt. Da eine Fortsetzung der Produktion ohne Barmittel nicht möglich gewesen wäre, suchte man nach einem Geldgeber. Man fand ihn in der Firma „Brüder Perutz“ in Prag. Die Vertragsbedingungen waren hart und enthielten weitgehende Kontroll- und Vetorechte für die Brüder Perutz, die alles daran setzten, die Firma Graumann zu übernehmen.

Fabrikseinteilung nach der Reorganisation wegen dem Wegfall der Wiener und Haslauer Produktionstätten durch den Strategen Fritz Lang persönlich.

Fabrikseinteilung nach der Reorganisation wegen dem Wegfall der Wiener und Haslauer Produktionstätten durch den Strategen Fritz Lang persönlich.

 1934

Mitte Februar 1934 münden die Konflikte der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Weiterlesen

Einstellung der Produktion

1958

In einer Zeit der allgemeinen Wirtschaftskrise auf dem Gebiet der Textilindustrie nach 1953 entschloss sich der weitsichtige (Schachspieler) Fritz Lang 1958 schweren Herzens, keine neuerlichen Investitionen in den Maschinenpark zu tätigen sondern nach 140 Jahren die Produktion einzustellen.

Kein wirklicher Trost: Vielen anderen Textilfirmen in Europa ging es damals ähnlich. Fritz Lang beschrieb in seinen Aufzeichnungen die Gründe dafür: „In ganz Europa besteht in der Textilindustrie seit Jahrzehnten ein Schrumpfungsprozess. Die grossen Absatzgebiete wie Indien, Ägypten, Japan und China errichteten vom Staate geförderte grosse Textilbetriebe, die nicht nur ihren eigenen Bedarf deckten, sondern darüber hinaus mit ihren modernsten Fabriken nach Europa exportierten. Nachdem die Weberei besonders lohnintensiv ist, konnten diese Staaten durch ihren tiefen Lebensstandard Preise ansetzen, die unter den Gestehungskosten europäischer Webereien lagen. Zuerst wurden in England Verschrottungsaktionen durchgeführt, später auch in Deutschland, wo bis 1963 126 Webereien mit 13.000 Stühlen stillgelegt wurden. Auch in Österreich kamen viele Webereien zur Liquidation. Grossbetriebe wie Guntramsdorfer Druckfabrik, Enderlin, Teilbetriebe der Pottendorfer, die Theresienthaler Spinnerei und Weberei, die Johannisthaler Spinnerei und Weberei und etliche kleinere Betriebe mussten kapitulieren.“

Darüber hinaus mussten die Firmenverantwortlichen erkennen, dass sie auch bezüglich des Sortiments an Konkurrenzfähigkeit Boden eingebüßt hatten. Fritz Lang: „Ein besonderes Missgeschick bestand darin, dass gerade jene Artikel, die die Fa. Graumann seinerzeit weltberühmt machten, wie Piquédecken, Barchente, Piqué, Damaste nicht mehr gängig waren. Die hauptsächlichsten Exportländer vor 1938 waren Ungarn, Jugoslavien, Polen und Rumänien, Weiterlesen

Graumann-Zentrum

2004

Beginn der Projektentwicklung eines städtischen Neubaus am Graumann-Platz. Objektgröße: rund 3500 Quadratmeter Nutzfläche. Verhandlungen mit den Vertretern der Stadt Traun, den involvierten Behörden und der LAWOG. Mit dem Architekten Prof. Arch. Klaus Zellinger wurde ein Partner gefunden, der sowohl architektonische wie auch wirtschaftliche Aspekte in idealer Weise berücksichtigte.

2005

Abriss der sogenannten „Hoferzeile“ und damit Baubeginn des Graumann-Zentrums im Herbst: der Erlös aus dem Grundstücksverkauf am Madlschenterweg wurde in den Neubau reinvestiert.

Spatenstich im November 2005 u. a. mit Ing. Rudolf Scharinger, Bürgermeister Ing. Harald Seidl, Mag. Tassilo Lang, Dir. Nikolaus Prammer, Ing. Herwig Mahr, Arch. Prof. Klaus Zellinger

Spatenstich im November 2005 u. a. mit Ing. Rudolf Scharinger, Bürgermeister Ing. Harald Seidl, Mag. Tassilo Lang, Dir. Nikolaus Prammer, Ing. Herwig Mahr, Arch. Prof. Klaus Zellinger

Tassilo Lang und Günther Derx entschlossen sich, die während 20 Jahre über die Stadtgrenzen Berühmtheit gelangte Alles-Käse GmbH zu liquidieren und das Geschäft „Küche & Speis“ in der Hietzinger Altgasse Trześniewski (die „unausprechlich guten Brötchen“) zu überlassen.

2006

Am 21. Juni 2006 fand im Rohbau anlässlich der Gleichenfeier des Graumann-Zentrums ein ausgiebiges Sonnwendfest samt -feuer mit afrikanischem Tanz der Gruppe Karine LaBel unter Beteiligung von Tassilo Langs Frau Charity Akuma statt: das Ereignis des Jahres!

Die Bäckerei und Konditorei Resch & Frisch steuerte süße Kunstwerke bei – präsentiert von Christine Lang.

Die Bäckerei und Konditorei Resch & Frisch steuerte süße Kunstwerke bei – präsentiert von Christine Lang.

2007

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Musterbücher

2017 Weil Musterbücher für die Geschichte im Allgemeinen und für die Textilindustrie im Speziellen einen hohen Wert darstellen, entschloss sich Mag. Tassilo Lang, 78 Musterbücher der Firma „Friedrich Graumann’s Eidam & Co.“ dem Textilen Zentrum Haslach (seit 1. Dezember 2016 auf die internationale Liste der UNESCO für immaterielles Kulturerbe) als Dauerleihgabe zu überlassen. Am 20. April 2017 wurden Sie von Frau Mag. Christina Leitner übernommen und zur Reinigung, Restaurierung und Archivierung nach Haslach an der Mühl gebracht. Mag. Tassilo Lang übergibt die Musterbücher der Firma Graumann an Frau Mag. Christina Leitner vom Textilen Zentrum Haslach. Foto © Günther Derx Sie gesellen Weiter

Zukünftiges Leben in der Stadt Traun

Der Bau der Kioske in der Bahnhofstrasse in den 60er- und 70er-Jahren hatte das Stadtzentrum an den nördlichen Rand des Graumann-Areals heran geführt. Die Umwidmung des Graumann-Areals 1999 in „Kernzone“ war der Auftrag der Stadt, das Zentrum noch weiter nach Süden auszudehnen. Der Firma Graumann gelang es 2013, Dipl. Ing. Gábor Wild als Projektentwickler für das Graumann-Areal zu gewinnen. Gemeinsam wurden die über die Jahre gesammelten Visionen sortiert und mit Experten Nutzungskonzepte passend zu einem lebendigen Stadtzentrum erarbeitet. Mit dem Gemeinderatsbeschluss zum Neubau einer Veranstaltungshalle für die „Spinnerei“ wurde der Weg frei, das Graumann-Areal zu entwickeln, sodass Dipl. Ing. Wild Weiter

Graumannpark

2018 Abbruch der Weberei als erster Schritt und Vorbereitung zur Errichtung von zunächst drei sogenannten „Stadtvillen“ mit jeweils etwa 25 Wohneinheiten in weitgehend autofreier Parkumgebung – deshalb „GraumannPark“ – und dem Geschäftshaus an der Bahnhofstrasse mit zukunftsweisender gewerblicher Nutzung.   Zeitraffer des Abbruchs Streetfood Festival 2018 Blick vom Bürotrakt nach Osten ohne Weberei Weiter

Grußbotschaften

Grußbotschaft Landeshauptmann a.D. Dr. Josef Pühringer Als „Urtrauner“ ist es mir eine besondere Freude, zum Jubiläum „200 Jahre Firma Graumann“ herzlich zu gratulieren – auch mit persönlichen Hintergrund, da meine Mutter in ihren Jugendjahren in der Betriebsküche gearbeitet hat. Von den Kochkünsten, die sie auch dort erworben hat, habe ich dann viele Jahrzehnte profitiert. Das Graumann-Gelände hat in unserer Stadt eine zentrale Lage, daher wird es für die Zukunftsgestaltung unserer Stadt, die ja längst begonnen und zum Teil auch realisiert ist, immer eine große Bedeutung haben. Die Stadt der Zukunft muss Wohnen, Arbeiten und Lebensqualität auch auf einen gemeinsamen Nenner Weiter

Anhang

Würdigungen und weiterführende Texte von: Prof. Dr. Roman Sandgruber: „Die Textilindustrie – die Mutter aller Industrien“ Prof. Dr. Herbert Lachmayer: „GEWEBTE ELEGANZ – Zum 200. Jubiläum der Firma Graumann“ Fritz Lang: Karoline Aloisia Graumann (1819-1903) Christine Lang und Ingrid Kindl: „Erinnerungen an die Bahnhofstrasse in Traun ab 1950“ Christine Lang: „Erinnerungen an die schwere Entscheidungszeit 1957/58„ Ingrid Kindl: „Wie ich als 18-jähriger Jungspund die Achtung des allseits gefürchteten Herrn Manner und seine Freundschaft erwarb“: https://graumann.at/wp-content/uploads/2017/06/Kindl-opt.mp3 Friedrich Graumann und seine Nachkommen Sammlungen und weiterführende Informationen zum Thema Textil: Textiles Zentrum Haslach, Textilmuseum St. Gallen, „Museum im Kornhaus“, Rorschach Historisches Archiv des Fotografen Stanislav Hutař: Weiter

Nachspann

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Veranstaltungen

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